Fachbeitrag zur Trageschwäche von Karin Kattwinkel

Pferd mit Markierungen von Skelett und Muskulatur

Wie gut ist der Rücken Deines Pferdes? Stark genug fürs Reitergewicht oder müde und trageschwach?

Fachbeitrag von Pferdegesundheitstrainerin Dipl. Ing. agr. Karin Kattwinkel

Hast Du Dich schon einmal gefragt, ob Dein Pferd Dich wirklich tragen kann? Und wenn ja, wie lange, ohne dabei Schaden zu nehmen? Sind Pferde eigentlich von Natur aus stark genug, einen Reiter zu tragen?

Letzteres sicher nicht. Denn von der Natur sind sie als Weidetiere ohne Last auf dem Rücken „konstruiert“. Weil ihre Nahrung ursprünglich recht energiearm war (Steppengras) und sie sich tagein tagaus viele Kilometer bewegen mussten um satt zu werden und Wasserstellen aufzusuchen, tragen sie ihr Eigengewicht dank Nacken-Rückenbandsystem und einiger genialen Details im Skelett zu mehr als der Hälfte ohne Muskelkraft dafür einsetzen zu müssen. Je länger und tiefer dabei der Hals getragen wird (Weidehaltung), desto kraftsparender funktioniert dies. In dieser Haltung wird auch mehr als die Hälfte des Reitergewichtes ohne Muskelanstrengung getragen. Aber auch der weite Vortritt der Hinterhand erleichtert das Tragen des Eigengewichtes (und auch das des Reiters). Deshalb sind Vorwärts-Abwärts Reiten und gekonntes Herantreiben an das Gebiss Garanten für gesunde Reitpferderücken. Leider sieht man die immer seltener.

Vorne „Ziehen“ und hinten „Stechen“ genauso schädlich wie „Reiten ohne Anlehnung“ 

Wo ehrgeizige Sportreiter und Nachahmer Pferdhälse kurz und die Nase hinter die Senkrechte ziehen, verspannt der Pferderücken auf jeden Fall. Aber auch viele Freizeitreiter, die genau diese Fehler bewusst nicht begehen wollen, schaden ihrem Pferd. Auch langes Reiten am hingegebenen Zügel und/oder zu wenig Treiben macht Pferderücken müde.

Viele Pferde geraten schon in jungen Jahren in den Zustand der Trageschwäche, weil sie in ungünstigen Wachstumsphasen bereits mit Reitergewicht belastet wurden und „am Zügel gehen“ mussten. Dann kauft man diese Altlast sozusagen mit. Allein kommen die meisten Pferde aus diesem Zustand nicht wieder heraus.

Junges Pferd in überbauter Wachstumsphase oder auch trageerschöpftes Pferd – bei beiden liegt der Rumpf tief und die Kruppe erscheint höher als der Widerrist. (Foto und Modell: Ralf Döringshoff)

Zustand mit angehobenem Rumpf/Widerrist – nur so kann die Bauchmuskulatur aktiviert werden! (Foto und Modell: Ralf Döringshoff)

So erkennst Du Trageschwäche

Hierbei sind Brustkorb und Rücken nach unten abgesackt. Dabei werden die Brustmuskeln überlastet, die Nackenmuskeln überdehnt. Die Schulterblattmuskeln verkrampfen, um Stabilität zu erreichen. Die Kruppenmuskeln ziehen, um den Rücken von hinten anzuheben. Die Hinterhandmuskeln (Hosenmuskulatur) ziehen, um das Becken zu stabilisieren. Sie sind oft übermäßig stark entwickelt. Oft ist die Trageschwäche verbunden mit Blockierungen in der Halsbasis und den Nackengelenken. Es entsteht oft schon durch unsachgemäßes und zu frühes Anreiten.

Andere bzw. zusätzliche Ursachen können sein:

  • Zu schwerer Reiter
  • Zu hohes Gewicht des Pferdes selbst (Weidebauch, Trächtigkeit)
  • Zu langandauerndes Reiten für den momentanen Trainingszustand
  • Zu kurzes und/oder immer gleiches Zügelmaß
  • Verwendung von kurzen und/oder starren Hilfszügeln
  • Klemmender Sattel
  • Klemmender Reiter
  • Aktives Aufrichten mit der Hand
  • Disharmonische Hufbalance
  • Schmerzen in den Beinen/Hufen
  • Mangelnder Schwung von hinten (Hinterhand tritt nicht unter)

Was tun wenn der Pferderücken müde ist?

Hilfreich sind alle Maßnahmen, die den Druck auf den Rücken vermindern, dem Rücken ein Strecken ermöglichen, die Bauch- und Brustmuskeln wieder zur Arbeit anregen und die Hinterhand aktivieren.

Dazu gehören:

  • Freies Arbeiten oder an der Longe ohne Sattel und ohne Gurt in (nach der Aufwärmphase) flottem Tempo mit vielen Übergängen zwischen den Gangarten und im Tempo jeder Gangart
  • Zunächst nur auf großen Linien arbeiten
  • Cavaletti und kleine Sprünge einbauen
  • Ausgedehnte Spaziergänge im Gelände oder als Handpferd
  • Zirkuslektionen: Verbeugen, Kompliment, Podestarbeit (Nur Vorderbeine aufs Podest, wichtig: Aufsteigen mit tiefem Kopf)
  • Arbeit an der Hand: Schulter herein im Schritt im Wechsel mit Volten
  • Frühestens in 3 Monaten vorsichtiges Wiederanreiten (leichter, gut sitzender Reiter, optimal passender Sattel, viel Gelände – bergauf und bergab, ruhiges Cantern
Schematische Darstellung trageschwacher Rumpfmuskeln
Schematische Darstellung der Rumpfmuskeln

Schematische Darstellung der Aufhängung des Brustkorbes zwischen den Vorderbeinen/Schultern (Grafik: Ralf Döringshoff und Peter Selbach)

Aufhängung des Brustkorbes im Zustand der Trageschwäche (Grafik: Ralf Döringshoff und Peter Selbach)

rot: m. serratus (Halsanteil und Thoraxanteil), gelb: langer Zungenbeinmuskeln und Halsanteil des m. longissimus, grau: Schulterblat und Oberarm (Foto: Peter Selbach)

Wippen hilft: Durch das Hin und Her auf der Wippe lösen sich viele Verspannungen und die Koordination der Muskeln verbessert sich. Für Pferde ist es eine abwechslungsreiche Übung.

Längswippen stärkt ventrale Muskelkette und entspannt Oberlinie.
Querwippen stärkt Brust- und thoraxstabilisierende Muskulatur.
Begleitet werden sollte die Aufbauphase mit physiotherapeutischen Übungen wie Oberlinie lang machen über Schweiftraktion, Bauch anheben über Provokation mit den Fingern entlang der Bauchnaht, Hinterhand heranschließen im Stand sowie Zirkuslektionen wie Verbeugen oder mit den Vorderbeinen auf einem Podest stehen und dabei vom Boden fressen.

Mehr Infos zu diesem und vielen anderen Themen unter www.equo-vadis.de. Mitschnitte der Webinar-Reihen „Raus aus der Trageschwäche“ sowie die Hybridkalender mit Stufenplan für Therapie und Training inklusive Anleitungsvideos www.equovadis-shop.com.
FB-Gruppe „Raus aus der Trageschwäche“

Ich möchte Karin herzlich für diesen wichtigen und informativen Beitrag zu unserem Blog danken! Es ist so ein bedeutsames Thema und verdient wirklich unsere Aufmerksamkeit im Training.

Wenn du deinem Pferd ein außergewöhnliches Training der Tiefenmuskulatur, Mobilisation und Spaß an Reha (oder Prävention!) bieten möchtest, haben wir hier noch ein ganz spezielles Angebot für dich: Der Steigerwald.Trainer für Pferdewippen startet bald. Hier lernst du von den Anfängen bis zu den anspruchsvollen Lektionen, wie du die Pferdewippe optimal und vielseitig zur Gesunderhaltung, zum Reha-Training und zum Muskelaufbau nutzen kannst. Ich begleite dich und dein Pferd dabei ganz individuell und engmaschig, daher sind die Plätze auch begrenzt, also nutze deine Chance und investiere in die Gesundheit deines Pferdes!

von | Jan 17, 2023 | Pferdewippen

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