Warum mein Beruf mich dazu gebracht hat, mit ihm aufzuhören

Sommerurlaub Trainingscamp

Heute möchte ich dich mitnehmen zu einem Gespräch mit Ornella, die viele Jahre als Tiermedizinische Fachangestellte und als OP-Leitung in einer Pferdeklinik gearbeitet hat.

Hat? Warum nicht mehr? Es muss doch toll sein, den ganzen Tag mit Pferden zu arbeiten und ihnen auch noch zu helfen?

Wir haben uns vor zwei Jahren auf dem Sommercamp hier in Südfrankreich kennengelernt. Damals war das Thema: Wurmkur und orale Medikamentengabe. Wir haben mit den Ponys und Kuh Bibiche erarbeitet, wie fies schmeckende Flüssigkeiten und Pasten sicher und vor allem entspannt im Tiermaul ankommen.

N: „Was hat dich damals am meisten begeistert?“

O: „Für mich ist klar geworden, dass es tatsächlich eine Möglichkeit gibt, Pferden in freiwilliger Kooperation etwas oral zu verabreichen, ohne sie zu fixieren.“

N: „Wie sieht denn der Klinikalltag bei so etwas aus?“

O: „Das Pferd bekommt das Halfter auf, der Kopf wird fixiert und selbst wenn das Pferd zurückweicht, wird der Applikator ins Maul geschoben und „abgedrückt“. Es fehlt die Zeit, auf das jeweilige Pferd einzugehen. Die Priorität liegt natürlich bei der Verabreichung des Medikaments, komme, was wolle.“

N: „Und was kommt da so von Seiten des Pferdes?“

O: „Das Pferd will sich direkt bei der nächsten Gelegenheit nicht mehr aufhalftern lassen, auch wenn ich nichts in der Hand habe.“

N: „..was aus lerntheoretischer Sicht ja unglaublich logisch ist. Nach dem Aufhalftern kommt direkt die unschöne Erfahrung. Also verknüpft das Pferd das Aufhalftern mit dem blöden Erlebnis und den entsprechenden Emotionen danach.“

O: „Das beobachte ich auch oft, wenn die Klinikzeit um ist: Die Pferde wollen nicht mehr auf den Anhänger, obwohl es nach Hause geht. Die letzte Fahrt im Anhänger hatte eine ganz doofe Konsequenz, nämlich den Klinikaufenthalt mit fremden Boxennachbarn, Box überhaupt, eventuell viele Schmerzen und Behandlungen, die Effizienz und nicht Mitspracherecht im Fokus haben.“

N: „Ja, der schöne Satz „Behavior is driven by its consequences“ -Verhalten wird über seine Konsequenzen gesteuert- zeigt sich überall. Wie verhält sich der standard-Klinikpatient, wenn du ihm was ins Maul drücken willst?“

O: „Reaktionen beim Verabreichen sind zum Beispiel im Kreis oder rückwärts laufen, Versuche, den Menschen an der Wand abzustreifen und wenn sie angebunden sind, Kopf hochstrecken, heftiges und schnelles Nicken oder ihn wie eine Giraffe von rechts nach links schleudern. Dabei bin ich auch einmal vom Pferdekopf ohnmächtig geschlagen worden.“

N: „Das klingt nach Stress pur für Mensch und Pferd. Wie oft bekommt ein Pferd im Durchschnitt bei einem Klinikaufenthalt etwas ins Maul? Oder lässt sich das nicht pauschalisieren?“

O: „Richtig. Aber einmal am Tag müssen wir allermindestens in die Box, um dem Pferd ein Medikament zu verabreichen. Sei es oral oder durch Spritzen unter die Haut, in den Muskel oder in die Vene.“

N: „Was davon erzeugt die meiste Abwehr?“

O: „Es gibt eigentlich immer Abwehrreaktionen, egal, was ich machen muss. „Highlight“ auf der Anti-Liste der Pferde ist das Spritzen in die Vene.“

N: „Wie sieht da der Ablauf normalerweise aus?“

O: „Die TFA halftert das Pferd auf, fixiert den Kopf mit dem Griff am seitlichen Backenstück, dann wird die Injektionsstelle vom TA desinfiziert, die Drosselvene wird abgedrückt und die Kanüle hineingeschoben. Bei Abwehr wird entweder eine Nasenbremse aufgesetzt oder eine Halsfalte gezogen.“

N: „Gibt es Pferde, bei denen das nicht reicht, um sie zum Stehen zu bekommen?“

O: „Ja, definitiv. Manchen kann man noch nicht einmal die Nasenbremse draufziehen, weil sie steigen. Ich bin leider so gut in meinem Job, dass ich sogar bei einem steigenden Pferd die Bremse drauf bekomme. Es muss ja nun einmal sein- für die Gesundheit.
Manchmal braucht es eine dritte Person, um beim Fixieren zu helfen – gerade bei Eseln! Wir haben uns einmal zu viert oder zu fünft abgemüht, um dem eine Braunüle zu schieben.“

Trainingspause
Trainingspause

N: „Wenn du so von diesen Sachen berichtest, schauert es mich regelrecht, auch wenn ich in der Thematik drin bin. Wie geht es dir und deinen ehemaligen Kolleginnen mit dieser Art der Umsetzung der medizinischen Notwendigkeiten?“

O: „Nicht gut. Wir haben uns alle für diesen Job entschieden, weil wir den Pferden helfen wollen. Leider gewöhnt man sich zwangsläufig mit der Zeit an die Abwehrreaktionen der Pferde und stumpft etwas ab.  

Ich bin jetzt ja sogar an dem Punkt, an dem ich unter diesen Umständen meinen Beruf nicht mehr ausüben kann. Ich arbeite lieber mit dem Pferd statt dagegen. Durch die Zeit hier mit dir und den Tieren auf Le Matou habe ich eine Welt kennen und lieben gelernt, in der das möglich ist.“

N: „Ihr habt ja in der Klinikwelt auch Auflagen und Verpflichtungen. Sei es zur eigenen Sicherheit, zur Gesundheit des Pferdes oder weil die Versicherung das verlangt.“

O: „Stimmt. In der Lahmheitsdiagnostik sind es die Momente, in denen die Pferde in die Beine gespritzt werden, wo unsereins gerne getreten wird. Aber ohne Spritze keine Diagnose. Ohne Diagnose keine sinnvolle Behandlung und ohne Behandlung keine Heilung.
Noch ein Beispiel: Wenn wir vortraben, verlangt die Versicherung, dass eine Kette drauf ist. Und was drauf ist, wird auch eher benutzt.

Wir müssen oft die Pferde für Ultraschall oder Röntgen intravenös sedieren, für klare Bilder und zum Schutz aller, inklusive der teuren Geräte.

Aber es müsste ja nicht sein, wenn man sein Pferd auf so etwas vernünftig vorbereiten würde. Die Auflage, zum Beispiel eine Zwangsmaßnahme wie die Nasenbremse bei einer rektalen Untersuchung anzuwenden sind sinnvoll und im Akutfall nötig. Aber nur dann.
Stellen wir uns einen tobenden Koliker vor, bei dem nur eine Operation Rettung verspricht. Der aber partout keine Spritze in seinem Körper haben möchte. Da wäre die Frage „Tisch oder Tod?“ schnell beantwortet.

Und genau deswegen ist es sinnvoll, vorher zu trainieren.“

N: „Vielen Dank für diese Einblicke in deinen Berufsalltag und die Gründe, ihn abgewählt zu haben. Ich freue mich darauf, dass du mit deinem Wissen aus der „echten Welt“ und der Welt der positiven Verstärker und Kooperationssignale das Leben von vielen Menschen, Pferden und den Profis aus der Medizinwelt schöner gestaltest.

O: „Ich möchte durch den Blick hinter die Kulissen allen Besitzern verdeutlichen, wie wichtig das Medical Training ist. Natürlich ist ein Klinikaufenthalt eine besonders stressige Situation, vielleicht auch noch verbunden mit Schmerzen, aber gerade deswegen braucht es eine gute Basis, damit das Pferd fernab von seinem gewohnten Umfeld souverän alles mitmachen kann. Und ein Pferd, was Kooperationssignale und gutes Medical Training kennengelernt hat, wird auch in schwierigen Situationen gelassen bleiben können.“

von | Aug. 20, 2026 | Medical, Allgemein

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